1.000 Jahre Jesa? – Gründungsurkunde von Niedernjesa

villa, que dicitur Gese oder
das Dorf, das Gese genannt wird – Wie alt ist es wirklich?

Ach, es ist schwierig. Selten hat man so etwas wie eine Gründungsurkunde für einen Ort. In den meisten Fällen wird die bestehende Siedlung eher zufällig zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem Dokument genannt. Beispielsweise, weil sich zwei Grundherren darüber stritten oder weil jemand aus dem Ort in die Stadt zog und sich fortan nach seinem Heimatort benannte. Spätestens dann hatte der Ort offenbar seinen heutigen Namen getragen, allerdings oft noch in anderer Schreibweise.

Die erste schriftliche Nennung eines Jesa (als „Gese“) findet sich in zwei Urkunden, die vorgeblich aus dem Jahr 1022 stammen. Sie listen auf, mit welchen Gütern Bischof Bernward von Hildesheim seine Klostergründung St. Michael ausstattete. Diese Güter mussten dem Kloster Abgaben leisten. Oft waren dies Getreide, Eier, Hühner, manchmal Schweine und Rinder, später auch Bargeld. Auf diese Weise sicherte der Stifter das wirtschaftliche Auskommen der Mönchsgemeinschaft. Beide Urkunden stammen allerdings nachweislich nicht aus dem Jahr 1022, sondern wurden erst rund einhundert Jahre später geschrieben.

Eine echte Urkunde von 1022 hat sich jedoch erhalten. In ihr unterstellte Bernward seine Gründung am 3. November 1022 dem Schutz des Kaisers Heinrich II. Hierzu zählte auch der Klosterbesitz, der in der Urkunde mit 18 Höfen aufgeführt wird, darunter Diemarden, aber Jesa fehlt. Genannt sind hier vermutlich große Güterkomplexe, zu denen neben dem Herrenhof auch weitere abhängige Höfe und Weiler gehörten. Sie wurden nicht einzeln genannt, weil den Zeitgenossen klar war, dass sie selbstverständlich mit gemeint waren.

Scan der Gründungsurkunde

Die Urkunde, in der Jesa genannt wird, soll der Kaiser im Jahr 1022 für das Kloster ausgestellt haben. Sie nennt nicht nur 18 Höfe, sondern deutlich mehr als 100. Darunter in der Grafschaft des Grafen Hermann im Logne-Gau zwischen den Einträgen „Lengithe, item Lengithe“ (Groß und Klein Lengden) und „Witmereshusen“ (Wittmarshof) auch „Gese“ (Jesa) und „Sneu“ (Schneen). Wie angedeutet, wurde dieses Dokument erst im 12. Jahrhundert geschrieben, was sich an der Schrift und anderen Merkmalen erkennen lässt. Ohne etwas darüber auszusagen, ob der Inhalt nun korrekt oder erfunden ist, spricht man daher von einer Fälschung.

Vielleicht wollte man so im Nachhinein den Besitz detaillierter als nur die (ehemaligen) Haupthöfe aufschreiben und damit sichern. Die zweite auf das Jahr 1022 gefälschte Urkunde, in welcher Schneen ebenfalls genannt wird, wiederholt im Wesentlichen diese Liste. Warum 1022? Am 29. September hatte Bischof Bernward die noch unfertige Klosterkirche geweiht und am 3. November hatte er das Kloster dem kaiserlichen Schutz unterstellt, bevor er am 20. November desselben Jahres starb und in dem von ihm gestifteten Kloster bestattet wurde. Deswegen passen die gefälschten Urkunden so gut in dieses Jahr.

Wenn die Urkunden, in denen Jesa genannt wird, gar nicht 1022 entstanden sind, sondern viel später – kann man dann überhaupt von einer ersten historischen Nennung des Ortes in diesem Jahr sprechen? Genaugenommen kann man das nicht. Formal taucht Jesa erst 1142 auf als „villa, que dicitur Gese“ (das Dorf, das Gese genannt wird). Die Unterscheidung in Obern- und Niedernjesa sogar erst im späten 13. Jahrhundert (Obernjesa 1278, Niedernjesa 1269).

Inhaltlich lässt sich aber eine Ersterwähnung durchaus für 1022 rechtfertigen: Verschiedene Indizien wie die Schreibweise der Ortsnamen und die Nennung bestimmter Grafen deuten sehr darauf hin, dass der Schreiber der gefälschten Urkunde eine Liste benutzte, die wahrscheinlich bereits 1022 vor dem Tod des Bischofs entstanden war.

Denn obwohl die offizielle Urkunde nur die 18 Haupthöfe nannte, kann man davon ausgehen, dass die Mönche ihren Besitz schriftlich sehr genau festgehalten haben, um ihre Abgaben von dort auch einziehen und verwalten zu können. Schließlich was dies von zentraler Bedeutung für das Überleben der Gemeinschaft. Also sind die Urkunden zwar gefälscht. Die dort aufgeführte Besitzliste mit Jesa gibt aber sehr wahrscheinlich den Zustand um 1022 wieder. Auch wenn die originale Güterliste nicht erhalten ist, so ist sie uns doch über eine Urkunde des 12. Jahrhunderts übermittelt – da ist es auch nicht wichtig, ob sie so tut, als sei sie von 1022. Also ist der Ortsname Jesa für 1022 zumindest über einen Umweg erstmals genannt.

Um Bischof Bernward heiligsprechen zu lassen, verfasste man in Hildesheim 1192 eine aufwendig ausgeführte und ausgeschmückte Lebensbeschreibung. Zu seinen guten Taten zählten die Verfasser auch die Stiftung des Michaelisklosters, weswegen eine der gefälschten Urkunden hier noch einmal vollständig wieder-gegeben wurde. Da dieses Dokument im Niedersächsischen Landesarchiv erhalten ist, können wir Jesa zumindest in der Schrift des späten 12. Jahrhunderts abbilden.

Nun aber ganz unter uns: In Niedernjesa entdeckte die Kreisarchäologie Am Kindergarten sowie Auf der Worth zwischen Schmiedebergweg und Hauptstraße Objekte aus der Mittelsteinzeit, immerhin zwischen 9.000 und 6.500 Jahre alt! Auch jüngere Überreste aus der römischen Kaiserzeit bis ca. 300 n. Chr. fanden sich dort. Früh- (7.-9. Jh.) und hochmittelalterliche (10.-13. Jh.) Funde machte man außerdem rund um den Thieplatz und am Nordende des Schladebergs. In Obernjesa liegen unter der Straße An der Schanze jungsteinzeitliche Überreste, und entlang des Gartenwegs und An der Dramme förderten Bauarbeiten Webgewichte und Keramikscherben aus der Zeit um 900 zutage. Die Archäologinnen und Archäologen wissen’s also schon lange: die Jesas sind eigentlich viel älter als läppische tausend Jahre.

Text: Dr. Niels Petersen, Historiker