Das Ende des 2. Weltkrieges in Niedernjesa

Erinnerungen an das Kriegsende 1945

Am Morgen des 8. April 1945 verließ die letzte Einheit der Wehrmacht Niedernjesa in Richtung Harz. Gegen 10 Uhr setzte dann aus südwestlicher Richtung Artilleriebeschuss ein.

Die Menschen suchten in Splittergräben, provisorischen Bunkern oder Kellern Schutz. Else Seliger und Otto Weitemeyer flüchteten beispielsweise aus den Rohräckern zu Familie Klinge in den Gewölbekeller. Familie Weitemeyer hatte Glück, eine Panzergranate schlug durch alle Gefache und Türen des Hauses durch und blieb im Garten ohne Explosion liegen. Einige Einwohner, u.a. Kurt Lange wurden durch Granatsplitter verletzt. Die erste Versorgung fand in der Kirche statt, wo Pastor Henniges mit einem Flüchtlingsarzt einen behelfsmäßigen Verbandsplatz eingerichtet hatte.

Am „Handweiser“ – heute die Ampelkreuzung am Ortsausgang an der ehemaligen B27 – wurden eine Mutter mit Kleinkind sowie drei Soldaten tödlich von Granatsplittern getroffen. Sie konnten erst nach zwei Tagen beigesetzt und dann Jahre später auf einen anderen Friedhof überführt werden.

Gegen 15 Uhr hörte der Beschuss auf, da offensichtlich keine Gegenwehr mehr zu erwarten war. Für Niedernjesa waren mit dem Einmarsch der Alliierte die Kriegshandlungen beendet.

Die Situation 1945: Flüchlinge in Niedernjesa

1945 war sicher eines der schwersten Jahre für Deutschland. Annähernd jeder zweite Deutsche war zu der Zeit auf der Flucht, auf der Suche nach Angehörigen oder einfach nur auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf. Die Flucht der Bewohner Schlesiens, Ost- und Westpreußens, Pommerns und Brandenburgs vor der anrückenden russischen Armee. Unmittelbar nach Kapitulation der deutschen Wehrmacht folgte die Vertreibung der Deutschen durch die polnische Miliz, oft in einer halben Stunde von Haus und Hof gejagt, nicht einmal das Allernötigste durfte oft mitgenommen werden. Das gleiche Schicksal erlitten die Sudetendeutschen.

Bombenevakuierte gingen zurück nach dem Westen, und da kamen dann die aus der Wehrmacht oder Kriegsgefangenschaft entlassenen Soldaten auf der Suche nach ihren Angehörigen aus den Ostprovinzen. Da die Westalliierten deutsche Soldaten nur in ihre drei Besatzungszonen entließen, mußten die aus dem Osten stammenden Anschriften in diesen drei Zonen angeben. Die Einwohner Niedernjesas haben viele dieser Durchziehenden für ein oder zwei Tage verpflegt, obwohl Lebensmittel noch lange Zeit bewirtschaftet waren, das heißt, es gab fast alles nur auf Marken zugeteilt, was wenig genug war, und sie gewährten ihnen auch Unterkunft.

Durch diese Situation kamen mehr als 30 dieser Entlassenen für kürzere oder längere Zeit in unser Dorf. Nachdem sie zunächst alle in der Landwirtschaft Arbeit gefunden hatten, und damit das Lebensnotwendigste abgesichert war, konnten sie nun nach ihren Angehörigen forschen und versuchen, in ihren Beruf zurückzukehren oder in Niedernjesa eine neue Heimat zu finden.

Folgende ehemalige Wehrmachtsangehörige gründeten schließlich in Niedernjesa eine Familie:

Bruno Aschmann aus Ostpreußen

Rudi Block aus Hinterpommern

Werner Czappek aus Oberschlesien

Karl Großmann aus Sachsen

Herbert Lottig aus Schlesien

Herbert Maiwald aus Schlesien Riesengebirge

Heinz Morgenthal aus Thüringen

Paul Reimann aus Ostpreußen

Hans Ristau aus Danzig/ Westpreußen

Günter Streich

Karl Ziemann aus Ostpreußen

Kurt Seefeld aus Pommern

Als Junggeselle blieb Erich Klein aus Westpreußen in Niedernjesa. Dazu kamen im Laufe der nächsten Zeit die Flüchtlingsfamilien Steiger, Grube-Trettin, Pukies, Sauter, Fritzner, Frenz und Wischnewski, Kornmüller, Krämer, Birk, Weißgerber, Buth, Pforr, K. Ristau, Ludewig, Kreisel, Deuticke, Schlott und Hasubick.

Bei diesen zuletzt aufgeführten Namen handelt es sich um die gemeinsame Ankunft der Familien, bzw. um entlassene Soldaten, die mit Hilfe des Roten Kreuzes ihre Angehörigen nach Niedernjesa nachholten.

Autor Hans Ristau

Bilder und Informationen: Kurt Lange / Eva Kielhorn (1990), Dorfchronik Seite 227ff. Else Seliger und Otto Weitemeyer (2021)